29.6.20016

    Jeder Mensch trägt die Unendlichkeit in sich. In jedem Augenblick.
    Ob er es weiss oder nicht, ob es durchscheint oder nicht, ob es bewußt gelebt wird oder nicht... das Unendliche ist da, und ist gerade die Quelle aller Lebendigkeit, sowohl in als auch zwischen den Seelen.
   Wer dies sieht, sieht, dass es absolut unsinnig ist, Menschen zu bewerten. Von diesem Gesichtspunkt aus sind alle Menschen, ja alle Wesen gleich, egal wie groß, wie alt, wie mächtig, wie klein oder schmutzig oder gemein die Seele gerade sein mag.

   Das Unendliche schafft und verliert sich im Vereinzelten... um sich selbst darin wieder zu finden.
   Das ist der ewige Gang der Entwicklung.
   Bewußtsein schaut sich selbst an... in all der Unendlichkeit seiner Facetten...



7.3.2016

    Real is,
what I'm experiencing...
… and that's the quintessence of Life!
A most exciting adventure of fear and death and love and light...
playing fully on the scale of emotion...
Dreaming and Realising...

and above all...
the eternal peace of pure awareness...
   infinity


2014

    Gewahrsein

Ich lag am Ufer
und träumte vor mich hin...
da kam die Frage angespült:
'WER ist gewahr?'
 'Ich!' rief ich, 'es ist das Ich!'
 … und das Gewahrsein
richtete sein Licht
auf MICH:

Und ich sah Bilder heraufziehen,
 tausende, abertausende,
 aus alten und aus jungen Tagen,
 verdichtet und doch seelenfrisch -
 und sie rankten sich um den Faden der Zeit,
 eine Geschichte zu erzählen:
meine Geschichte.

Und darunter dämmerte leise
eine andere Welt herauf,
wie aus dem Dunkel des Bewusstseins aufsteigend,
ein verworrenes Geäst von ätherischen Strängen,
geladen, verschlungen, gestaut,
heraufschwelend und mit eingesponnen in die lebendige Galerie,
speisend, prägend, Richtung und Halt gebend...
sie verdichtend zu Charakter und Anschauung,
einige Züge bis zur Erstarrung geronnen,
andere noch weich und bildsam...

Und noch darunter sah ich,
auftauchen aus dem Strom der Generationen,
Glied einer endlosen Kette,
das Gefäß meines Körpers,
der den Raum gab für diese Landschaft,
die Matrix und das Gefährt,
das die Geschichte erfährt -
und in sich einprägt... als Erinnerung.

Doch wo, wo in diesem komplexen, lebendigen,
sich ständig verändernden Gebilde...
wo war... das Bleibende... die Mitte...
… die Quelle jenseits der Zeit?
Wo war das Wesen?

Alles, was ich sah,
war gerade Nicht-Ich!
War bereits aus mir herausgesetzt!
Wo aber war ICH?
   Wo?...

… Verzweiflung kam auf,
dann die Angst, den letzten Boden zu verlieren...
ins Nichts zu fallen...
   und schon fiel ich... und fiel...
      ohnmächtig...
   schließlich mich selbst und alles aufgebend...
und es wurde still... und stiller...
und die Stille ging schwanger -
und brachte... letzte Einsicht!
In ihr wurde ich gewahr:
- und wie war es nur möglich, dies nicht zu sehen -
      das einzig Bleibende
   im lärmenden Kreis des Seins,
grenzenlos, ohne Anfang, ohne Ende:

      Gewahrsein



5.2.2015

    Im Schoß meiner Mutter 
 
   Ich war dabei, in dem Seth-Material zu lesen, es ging gerade um Modalitäten der Empfängnis, als sich folgendes Erlebnis einstellte:
    Aus dem Dunkel des Bewußtseins erschien meine verstorbene Mutter. Das Bild ihrer physischen Erscheinung und ihre seelische Präsenz nahmen sehr schnell eine lebhafte Gestalt an, als fühlte sie sich gerufen und wollte mir etwas Wertvolles bedeuten. Aus dem Kontext meiner vorherigen Gedanken richtete sich meine Aufmerksamkeit auf ihren Bauch, und im nächsten Augenblick erlebte ich mich… in diesem Bauch – als kleiner, noch völlig formloser Fötus.
    Das Erlebnis war unserem gewöhnlichen Erfahrungshorizont zu weit entfernt, um es in Worte fassen zu können; dennoch will ich versuchen, soweit ich vermag, eine Annäherung davon zu geben.
    Ich sah den Fötus, also meinen zukünftigen Körper, von aussen, noch ganz durchsichtig, ganz formlos, und gleichzeitig erlebte ich ihn von innen, schwebend in der Flüssigkeit, bisweilen sanft umspült von ihr, unendlich wohl – ja, wie selbstverständlich unendliches Wohlsein...
    Ich sah und empfand die Seele meiner Mutter, die die meinige ganz aufgenommen hatte. Ich fühlte mich völlig und zeitlos geborgen in ihr... als würden wir in innigstem Einssein, bei völliger Transparenz und mit der größten Selbstverständlichkeit zusammengehören...
    Wärme, Liebe, Wohlsein... nichts anderes gab es.
    Erst später wurde mir klar, dass ich hier nur den jenseitigen, den wesenhaften Aspekt ihrer Seele wahrnahm, denjenigen, der unbelastet war von den Geschäften des Alltags, und mit dem sie selbst in ihren Bauch hineinfühlte...
    Und auch mein Vater war da, und ich hatte dieselbe Verbindung zu ihm, wenngleich auch mit etwas Abstand, und eben nicht körperlich, sondern nur seelisch. Aber nichtsdestoweniger hatte sie ähnliche Intensität, und alle drei waren wir – gewissermassen im Schoss meiner Mutter, und seelisch – eins.
    Und als diese einige, liebegetragene Dreiheit waren wir eingebettet in ein viel größeres Geschehen, eine viel tiefere Wirklichkeit. Meine Wahrnehmung dieser tieferen Ebene ging aus von der unendlichen Weisheit und Fürsorge, die in dem ganzen Entstehungs- und Entwicklungsprozeß des Fötus lagen. Ich fühlte eine kosmische Kraft von unendlicher Güte, in deren Schoß wir ruhten, und die uns umhüllte... in ihrer Unendlichkeit.


April 2014

   Balance

Nichts wollen -
und die Kraft ruht in der Mitte
und hält das Haus lebendig.

Den Herzenswünschen folgen -
und die Energie strömt nach aussen
und macht die Welt lebendig.

31.3.2006

   Über die Liebe

   Wieviele Jahre bin ich gegangen, auf der Suche nach Sinn. Wieviele Jahre in der Hölle der Sinnlosigkeit, in der Gefangenschaft des Nein, zerrissen vom Widerspruch, in der unerträglichen Flachheit des Unsinns!
   Ich will die Schritte nicht zählen, die ich gemacht, und die Räume nicht, die ich durchmessen, und nicht die Fehler, die ich begangen. Es war die Schule des Lebens, nichts weiter.
   Ich musste gehen, sehen, hören lernen. Ich musste den Blick schärfen und klären, ich musste handeln lernen, in völliger Verantwortung, ich musste mein Empfinden durch die Gluten der Hölle tragen, bis es lauter und nicht mehr befangen war. Und hier war der Ausgang! Völlig unerwartet!
    Und nun kommt Freude auf! Denn was sieht mein Auge, seit die Welt ihm durchlässig wird? Und was erlebe ich als Grund meines Seins? Es ist die Liebe, die heraufschimmert, wie aus dem Grund der Gründe, die hindurchschimmert, durch alle Wesen, aus allen Wesen, in allem Sein, als wäre sie schon immer überall gewesen!
   Oh! Wie erschüttert war mein Herz, als mich diese Liebe zum ersten mal ergriff! Denn wer sie erkennt, der fühlt sich ergriffen, und mein kleines Herz, es wollte tanzen, es wollte springen, es wollte zerspringen!
   Aber die Liebe ist die Liebe, sie berührt mein Herz nur sanft, und doch in ihrer ganzen Kraft, sie will es nicht sprengen, nur weiten, immer wieder, immer weiter, weil ich es will. Langsam steigt sie in mir auf, seit Monaten, von unten, wie aus der Erde



Nachfolgend finden Sie, auf eine Seite zusammengefasst, eine kleine Auswahl von Texten aus meinem Gedichtband 'Zwiegespräch im Ich'.                                                                                    

   Inhalt
 
  1    Schweigen    
  2    Meine Vorgänger
  3    Meine Schöpfung
  4    Jeden Augenblick  
  5    Das blinde Schwarz
  6    An die Erde    
  7    Diamant im Herzen   
  8    Die Melodie der Sterne...   
  9    Gespräch    
10    Gleichnis    
11    Parabel    
12    Begegnung
13    Märchen vom Königssohn    
14    Der Verstand an seinem Platz


1

Schweigen.

Bis
das Wort
sich bildet

das
schafft.


2

Meine Vorgänger
mieden
die Poesie.

Sie sagten:
die Welt ist nüchtern.
Und neben
Auschwitz
und Hiroshima
gebe es
keine Poesie mehr.
Sie sei unwahr
und einfach lächerlich geworden.

Ich sage:
mache die Poesie
wahr
und es gibt sie.
Und nur ohne
wahre Poesie
ist die Welt
nach Auschwitz
Hiroshima
und dem geklonten Menschen
trostlos
hoffnungslos.

 

3

   Meine Schöpfung

         Versunkenes Altertum –
goldene Zeit, zu Stein erstarrt
- warum habt ihr das Grabmal verhöhnt? –
Spur der Identität,
      deren vergessene Wurzeln Halt suchen im Morast.

Doch unermüdlich fliegt die Taube aus Licht:
   durch das Mark der Knochen
   in die vom Leben verbrannte Erde
   und tiefer, ins Innerste, ins Unaussprechliche
zieht sie ihre Himmelsspur.

Im Ton der Asche wird ihr Flug
   zum Klang, leise gefärbt
      von den Wunden der Erde:
Ihre Hingabe war so vollkommen,
   dass wir vergaßen, zu danken

für den Tempel. Darinnen:
   der gläserne Sarg –
hätte er meinen Atem nicht gehalten,
   ich hätte ihn nicht bemerkt.
Jetzt liegt er zertrümmert, und ich werfe

meine Kraft in die Esse, und werde sie formen,
sie lösen und sammeln in der Glut meines Feuers,
   bis sie ganz durchdrungen ist
      von den Strömen des Lebens
   und aufglüht im eigenen Licht. 


 
4

    Jeden Augenblick

Das Dornengeflecht
ums Herz gewunden
zieht es uns
ins Ungewordene.

Unabänderlich
liegt
die vergangene Zeit,

und die Schatten,
die wir großgezogen,
lassen uns nicht mehr los.

Aber verborgen
in jedem Augenblick
ist Lösung,
ist lösende Liebe.

Und siehe:
der Schatten trinkt Licht
aus meinen Händen,
und die Dornen
fangen Feuer
an meinem Herzen.

Eine unversiegliche Quelle
bewässert
mein Sein.


5

Das blinde Schwarz
im Weben des Schicksals
   aufhellen.

Immer weiter,
mit reinem Wasser
   und Herzblut.


6 

         An die Erde

         Erde, Mutter,
   Urbild des Weiblichen,
alt bist du geworden, alt und grau.
Feuer ist zu Stein erstarrt, die Elemente sind lange geschieden,
und auch die Leiber, aus deinen Säften gewoben,
   Ursprossen der Verdichtung,
      sind lange verhärtet.
Wie lange trägst du uns noch –
                   erträgst du uns noch?
Ich weiß, Sorgenkinder sind wir geworden –
einst dein liebstes Kind, die Krönung deiner Geschöpfe:
mit der Krone des Denkens durchmaßen wir die Himmel,
         durchmaßen wir dich –
und erlagen schließlich dem Machtrausch dieser Krone,
   dich als leblose, wesenlose Materie zu begreifen.
Mußten wir die Urmutter vergessen, sie misshandeln,
   Raubbau treiben an dem Boden, der uns nährt –
      dich tränken mit dem Blut deiner Kinder –
         dir Wunden über Wunden schlagen?
Und nun – müssen wir noch
                              zu Muttermördern werden?
Ist dies unser Schicksal –  unseres und deines?
   Die Menschheit – ein verhallender Ruf im All?
Oder werden wir noch – im Angesicht des Todes – aufwachen,
   aufwachen für ein tieferes, für ein schöpferisches Sein,
aus dessen Kräften wir uns –  und dich – erneuern können?

      Ja, Mutter, Erde,
   ich höre dein Schweigen.
Noch ist das Buch der Zeit nicht zu Ende geschrieben.
Zwar hält die Menschheit die Feder schon in Händen,
doch kann sie die Hieroglyphen deines Werdens nicht entziffern
   – zu flach ist ihr Horizont geworden.
Welche Male wird sie noch eingraben
 in dein gezeichnetes Antlitz?
   Denn noch sind der Wunden nicht genug!
      Tief sind sie – unheilbar tief.
Und du schweigst in deiner vollkommenen Hingabe an uns.
O Erde, wie schwer ist es uns, deine reine Seele zu erkennen.
Ist dies der Weg, den die Geschöpfe gehen,
um Schöpfer zu werden?
Vorzeiten sprachst du selbst noch mit uns, wie im Traum,
   in der liebenden Umarmung der Sonne,
und die Sterne umspielten dich mit ihren himmlischen Melodien,
   die durch den ordnenden Reigen der Planeten
      in deinem fruchtbaren Leib das Leben dir woben.
Du hülltest uns ein in göttliche Weisheit,
   hieltest uns in unendliche Geborgenheit getaucht,
ein Embryo im mütterlichen Schoß,
und der Baum des Lebens ging mitten hindurch,
   und der Baum der Erkenntnis schuf herrliche Bilder,
      Urbilder des Lebens, die Gestalt wurden im flüchtigen Leib.
         Goldene Zeiten dies.
   Äonen sind seither verflossen,
die einige Menschheit in Millionen Funken zerstoben,
und aus den Knochen schlich der Tod 
   und webte den Schleier der Sinne 
      über das unschuldige Sein.
Herausgefallen sind wir aus flutendem Licht,
   die Schwere zog uns hinab,
      das eigene Haus zu bauen.

         Erde, Mutter,
   ich stehe auf der Asche meiner Ahnen,
die du geborgen hast. Und die ich mit Füssen trete,
   um gehen zu lernen,
         bete ich an.
In deinen Schoß will ich zurückkehren,
aus deinem Schoß neu geboren werden,
   bis durch die Kraft der Verwandlung
      mein ganzes Sein
         in Liebe verströmt.
O Erde, ich danke dir für die Liebe unserer größten Mutter,
      für deine grenzenlose Hingabe.
Ich danke dir für den Tempel des Leibes –
   in seinem Spiegel erleben wir uns selbst.
Ich danke dir für den Spiegel der Sinne,
   der uns das Wesen der Dinge verdeckt:
      nur so können wir es selbst erkennen.
Ich liebe deine Schwerkraft –
   aus deiner Tiefe ziehen wir unser Blut.
Ich danke dir für dein erstarrtes Feuer –
   an seinem Halt richten wir uns auf,
      aus seiner Härte schlagen wir unsere Funken.
Und Dank ströme zu dir hin von den tausend Herzen,
         die diesen Ruf hören 
   und aufnehmen mögen.


7

Diamant im Herzen. Sternen-
Licht.
Die Kranzgefäße
verkrustet.
Doch
licht-
umspült,
unaufhörlich . . .
 


8

Die Melodie der Sterne
in die Erde
vergraben
wie ein Samenkorn.

Den Ton der Erde
kneten
bis ihr Sinn
sich enthüllt

und leuchtet
wie ein goldnes
Licht.


9

         Gespräch
 
   Ich sprach mit meinem Schicksal über mich.
Die Forderungen lagen auf der Hand, doch waren sie zu schwer, sie zu erfüllen.
       - Mein Leben von Grund auf ändern? Woher soll ich die Kraft nehmen? fragte ich.
   Und mein Gegenüber wurde zu einem dunklen Weg, in dessen Mitte ich stand. Er kam von oben, aus dem Licht, und mündete in auswegloses Schwarz.

   Und ich begriff: es gibt keine andere Möglichkeit. Jetzt muß ich beginnen, in diesem Augenblick, mit meinen ungeteilten Kräften.

   Und wieder wandelte sich mein Gegenüber: durch ihn hindurch erschien nun eine Lichtgestalt, erhaben schön und rein, der Ewigkeit teilhaftig. Eine unversiegliche Kraft strömte aus von ihr und ergriff meine müden Glieder. Ich wollte versinken vor Scham, und konnte nur noch stammeln:
      - Solltest du ... das andere Ende des Weges sein? – 


10
 
 Gleichnis
 
Im Spiegel des Wassers
sehe ich den Himmel.
Er zieht dahin mit dem Fluß
und glitzert im Licht,
das die Wellen brechen.

 
11

         Parabel 
 
Ein verschmutzter Zerrspiegel trat vor einen andern, der rein war und gepflegt, und dachte bei sich: ‚dieser Spiegel hat einen großen Schandfleck.’ Im Weitergehen sann er darüber nach, wie er ihm helfen könne, den Schandfleck zu entfernen.


12
 
         Begegnung
 
Fahlgraues Antlitz in schwarzem Tuch – was willst du hier ...
ist meine Zeit schon um? – Ich bin noch nicht soweit! ...
Eben fang ich an, den Samen auszuwerfen.
- - -
Du schweigst? – Streckst deine Hand nicht aus?
Dein hohler Blick wird mich nicht töten. –
... Sei es!  - - -
Du rührst dich nicht – willst du mich nicht vernichten?
‚Ich bin kein Geist der Vernichtung.’
Warum erschüttert mich dein Anblick bis ins Mark?
‚Ihr frönt der Zerstreuung und Zerstörung. Das Leben achtet ihr nicht, nach Sinn sucht ihr nicht. Durch meine Nähe fällt ein unerbittliches Licht auf euer Tun, und euer Gewissen fängt an zu brennen. Ohne meinen Dienst wäret ihr verloren.’
Du rettest uns? … Gewiß! –  nur dem Tod verdanken wir das Leben!
‚Ich rette die dürftigen Früchte eures Lebens. Ich verwandle das vergängliche in zeitloses Leben. Ohne mein Amt würde die Menschheit der Vergänglichkeit anheimfallen.’
Deine Gestalt wäre ein Trugbild? Dein vernichtendes Schwarz ...
‚In alten Zeiten, als meine Schwelle noch sichtbare Verwandlung war, fing die Menschheit an, im Leib der Sinne einen Schleier vor die Welt der Verstorbenen zu weben. Sie wollte die Sinne genießen. Seit dieser Schleier dicht ist, erscheine ich in diesem schwarzen Tuch.’
Wir hätten dein Gewand gewoben ...?
- - -
Und nur dieses Gewand trennte uns von den Toten?
‚Dieses Gewand hat die Kraft vieler Leben. Es bildet die Grenze eures Horizontes.’
Eine unendlich ernste Würde liegt auf deiner Gestalt ...
deine unwiderrufliche Strenge hat sich verwandelt ... in den tiefsten Frieden.
Ganz anders wirst du, wenn ich akzeptiere ---
welche Ruhe zieht in mich ein,
eine göttliche Ruhe ... sie strahlt von dir ...
In dieser Ruhe wird die Zeit zum Raum –
mein Leben steht vor mir ... in einem einzigen Bild von ungeheurer Dichte.
Alle Einzelheiten sind darin ... Vieles, auf dem der heilsame Schleier des Vergessens lag –
ich würde es nicht ertragen ohne deine Gegenwart –
und meine Kinder! ... o Gott! bin ich schon drüben? ... sag, war das der Übergang? ...
‚Damit dein Schicksal sich erfülle, ist es notwendig, dass ich dir begegne. Deine Hülle ist noch nicht verbraucht.’
Ich ... lebe? ... ich ... kann zurück?!
‚Du lebst.’
Ich habe den Tod empfangen ... und lebe! – Dein Gewand hat sich gelichtet: ein sanftes, ewig-vertrautes Licht strahlt hindurch. In ihm erscheinen Abgründe der Vergangenheit! Es ist, als hätte ... ein Wesenskern in mir... der in völliger Versöhnung mit dem Schicksal steht ... das alles durchlebt ...
‚Geh zurück in deinen Leib. Deine fruchtbaren Jahre liegen vor dir. Du schuldest sie dem Leben.’


13

         Märchen vom Königssohn
 
         Es war einmal ein König und eine Königin, die lebten in einem sagenumwobenen Reich. Sie hatten sich immer ein Kind gewünscht, waren aber bis in ihre hohen Tage kinderlos geblieben. Nun hatte der Königin einmal geträumt, der Untergang des Reiches stünde bevor, wenn sie einen Sohn zur Welt bringen würde, und deshalb fürchteten sie sich auch davor. Endlich aber gebar sie einen Jungen, und weil er goldenes Haar hatte, und sie dachten, das sei ein Zeichen des Himmels, nahmen sie das Kind an, freuten sich herzlich darüber, und sagten schließlich auch ja zu allem, was er mit sich bringen würde.
 
         Der Junge aber wuchs in allen Tugenden heran. Der Himmel war noch offen über ihm, und mit jedem Tag gedieh sein heiteres Wesen weiter. Als er sieben Jahre alt war, erging er sich einmal im Garten des Schlosses, und weil es warm war, ging er hinunter zum Strand und wollte sich im Wasser kühlen. Wie er so dastand und ins Meer schaute, sah er sein Spiegelbild auf den Wellen schwimmen, und als er sein Haupt mit den glänzenden Locken ins Wasser tauchte, war ihm, als würde das Meer ihm zuraunen: ‚Die Welt ist weit und schön. Verlasse das Reich deines Vaters; du hast die Kraft, ein Neues zu gründen.’
 
 Als er zum Jüngling herangereift war, packte er seine liebsten Sachen zu einem Bündel zusammen, ging zum König und sprach: ‚Vater, es zieht mich hinaus in die Welt. Ich möchte erfahren, wie das Leben in anderen Ländern ist, und mein Glück versuchen. Gebt mir euren Segen und lasst mich ziehen.’ Der Vater freute sich über seinen Sohn und wurde zugleich traurig. Auch dachte er bei sich, dass dadurch das Unglück vielleicht abgewendet sei. Er gab ihm also seinen Segen, gab ihm auch einen goldenen Ring als Andenken, und sprach zu ihm: ‚Nimm diesen Ring an deine rechte Hand. Er wird sie im Guten führen, und dir die Erinnerung an deine Herkunft wahren. Und er wird dir Kraft geben, solange du ihn trägst.’ Dann ließ er ihn schweren Herzens ziehen.
 
         Nachdem er die Grenze seines Reiches schon lange hinter sich gelassen hatte, überkam ihn einmal mitten auf einem Schneefeld ein heftiges Heimweh. Er streifte den Ring von seinem Finger, betrachtete ihn sinnig, stapfte dabei immer weiter, und da träumte ihm, das Reich seines Vaters sei untergegangen, eine Meeresflut hätte es hinweggespült. Plötzlich stand eine wunderliche Alte vor ihm, und vor Schrecken ließ er den Ring in den Schnee fallen. In dem Augenblick aber entschwand ihm die Erinnerung an seine Herkunft, ja selbst an den Ring konnte er sich nicht mehr erinnern. Und gleichzeitig fühlte er eine Sehnsucht, er wusste selbst nicht nach was. Er wusste nur, dass er sich auf die Suche machen muß, und nicht eher ruhen kann, bis diese Sehnsucht gestillt ist. Die Alte beobachtete ihn genau und sprach: ‚Setze deine Sachen einmal ab, tu deine Augen auf und lass deinen Blick einmal in die Weite schweifen; du siehst ja gar nicht, wo du bist.’ Der Königssohn gehorchte. Jetzt erst nahm er wahr, dass er in einem Land von kristallener Schönheit war. Alles um ihn her strahlte eine strenge Klarheit aus, in der Ferne schimmerten die Abhänge in irdischen Farben. Aber wie kalt war es hier! ‚Wo bin ich?’ fragte der Jüngling erstaunt. ‚Ja, wo bist du,’ entgegnete die Alte, ‚wo kommst du her, und wo willst du hin?’ Seine Haare glänzten im Schein der Sonne. ‚Ich sehe, du hast goldenes Haar auf dem Kopf. Du musst in die Tiefe steigen. Dein Bündel wird dir dabei helfen. Aber pass auf, dass es dir nicht zu schwer wird, schon mancher ist nicht mehr heraufgekommen.’ Darauf grinste die Alte höhnisch, wies ihm eine Richtung und war verschwunden.
 
         Der Jüngling ging weiter und kam spätabends an eine kleine Hütte am Rande einer weiten Schlucht. Die Leute hießen ihn willkommen und fragten, wie es ihn hierher verschlagen habe. ‚Ich weiß selbst nicht so richtig,’ antwortete der Jüngling. ‚Ich muß in die Schlucht hinunter.’ Die Leute rieten ihm ab, aber er blieb dabei: ‚Ich will und muß den Abgrund hinab.’ Da holten die Leute einen alten Mann herbei, der schaute ihn lange mit prüfenden Blicken an und sprach schließlich: ‚Der Abstieg ist gefährlich. Du kannst leicht abrutschen und in die Tiefe fallen. Unten aber warten wilde Tiere aller Art auf dich. Was verstehst du, und was hast du dabei, um dir zu helfen?’ ‚Ich habe nichts,’ antwortete der Jüngling. ‚Das ist nicht viel. So will ich dir einen Rat geben: Bleib eine Zeit hier, bis du etwas verstehst.’
 
         Der Jüngling bedankte sich und nahm das Angebot an. Tagsüber half er den Leuten das Vieh hüten, des nachts aber ging er ein Stück den Abgrund hinunter und lauschte den Tieren. So lernte er sie nach und nach verstehen. Aber wie dauerten sie ihn nun, da er sie unentwegt von ihrer Verzauberung sprechen hörte, und wie schnitt ihm ihr verzweifelter Ruf nun ins Herz! Da jetzt alle Furcht verschwunden war, entschloß er sich, weiterzuziehen, und machte sich an den Abstieg. Dabei schien ihm sein Bündel immer größer und schwerer zu werden, er wusste selbst nicht wie. Als er unten angelangt war, stürzte sich sogleich ein Löwe auf ihn. Als dieser aber hörte, dass der Jüngling ihn bei seinem Namen rief, hielt er voller Verwunderung inne, wurde ganz zahm und zutraulich, hieß ihn schließlich sich auf seinen Rücken setzen und trug ihn in den Wald hinein. Er begegnete dann noch einem wilden Stier, einem Rudel Wölfe und noch vielen anderen Tieren, aber es geschah immer das Gleiche: als sie merkten, dass er ihre Sprache verstand, verloren sie alles Wilde und schlossen Freundschaft mit ihm. Die Wölfe erboten sich gar, ihm seine Lasten durch den Wald zu tragen.
 
         Auf der anderen Seite der Schlucht verabschiedeten sich die Tiere wieder und baten ihn, auf seinem weiteren Weg an sie zu denken. Er versprach es und spürte dabei, wie jedes Tier ihm von seiner Kraft gab. Dann nahm er sein Bündel wieder selbst auf die Schultern und begann den Aufstieg. Wie leicht schien ihm seine Last nun, und je höher er kam, desto leichter wurde sie ihm. Als er oben angekommen war, fühlte er sich so leicht und frei, dass er dem Himmel für sein Dasein dankte. Und als ihm der Wind zum Gruß seine goldenen Haare ins Gesicht wehte, waren sie leuchtend geworden.
 
         Er ging weiter, frei und unbeschwert, und war freundlich und hilfsbereit zu jedermann. So kam er eines Tages in ein Reich, in dem große Trauer herrschte. Der König lag sterbenskrank, weil seine Tochter, die einst wunderschön gewesen war, so schön wie der klare Tag, in ein hässliches, giftiges Weiblein verzaubert worden war. Der Jüngling ging zu dem Schlosse und fragte den Torwächter, ob denn niemand Abhilfe schaffen könne. ‚Ja, wenn jemand die schwere Aufgabe erfüllen könnte,’ erwiderte dieser. ‚Was ist das für eine Aufgabe?’ ‚Es muß jemand kommen, der um die Hand der Königstochter bittet, und er muß drei Tage und drei Nächte mit ihr zusammen sein und darf kein einziges Mal verzagen.’ ‚Ich will es versuchen,’ sprach der Jüngling, ‚führt mich zu ihr.’
 
         Der Wächter führte ihn zum König. Als dieser den schönen Jüngling sah, winkte er aus seinem Bett heraus ab, musste herzlich weinen und sprach endlich: ‚Es ist kein Mittel gegen den Zauber. Viele sind schon gekommen. Die meisten verloren den Mut schon beim ersten Anblick. Die anderen sind alle in der ersten Nacht wie von Sinnen aus dem Schloss geflohen. Sie sind jetzt vom selben Zauber befallen, irren in der Welt umher und verbreiten Unglück, wo sie hin kommen. Spart euer Leben.’ ‚Nein,’ erwiderte der Königssohn, ‚ich bitte euch, laßt mich zu eurer Tochter bringen. Ich will’s versuchen!’ In dem Augenblick kam sie herein, auf einen Stock gestützt, mit eingefallenen, gelben Augen, schiefer Nase, herabhängendem Kinn, mit schrecklich ausgezehrtem Leib, und wenn sie was sagen wollte, kamen Mäuse und Kröten aus ihrem Mund. Der Jüngling aber, als er sie erblickte, musste voller Erbarmen der Tiere gedenken, die in der Schlucht ihrer Erlösung harrten. Da kam ihm das Bild der Königstochter in ihrer wahren Gestalt, und er sah die grauslige Leiche gar nicht mehr.
 
         Die drei Tage vergingen im Fluge, der Königssohn hatte immer ihre wahre Schönheit vor Augen, und musste nur immer daran denken, dass die Verzauberung ein Trug sei. Und als er am Morgen des vierten Tages aufwachte, lag eine wunderschöne Jungfrau neben ihm und sprach: ‚Du hast mich erlöst, und sollst nun mein liebster Gemahl sein.’ Da ging der Himmel über ihnen auf, der Königssohn wusste nun, wonach er sich gesehnt hatte, erinnerte sich auch wieder seiner Herkunft, und am gleichen Tag noch wurde die Vermählung der beiden gefeiert und wurde zum Grundstein für ein neues Reich. Und da sie ja unsterblich sind, so leben sie noch heute.


14 

Der Verstand an seinem Platz
 
Seit Jahrhunderten leben wir in einer Verstandeskultur. Die Anschauungen, die sich daraus ergeben haben, legen sich wie ein grauer Schleier über das Leben. Es sind materialistische und pragmatische Anschauungen und Gesinnungen, und sind Kinder der Verneinung.
 
         Der Verstand beansprucht, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Das macht ihn zum geistigen Gefängnis. In dieser Gefangenschaft sind wir heute.
Zum Ausbrechen genügt es, den Verstand einfach einmal zu vergessen. Er wird uns nur schnell wieder einholen. Im Namen der Wirklichkeit. Die aber nur die seine ist.
         Frei kommen können wir nur, indem wir das Wesen der Verstandeskraft erkennen. Schon hier, wenn er das Wort Wesen hört, braust er auf und will verspotten. Sein seelisches Zuhause ist die Antipathie. Er ist ein Nein-Sager. Er hat das Nein erfunden.
 
         Er entzündet sich in der sinnlichen Welt. Die er selber erst geschaffen hat: denn er ist es, der die reinen Sinneswahrnehmungen verwebt zur gegenständlichen Welt. Und hier ist er an seinem Platz. Hier hat er Daseinsrecht. Ja, hier hat er Unglaubliches vollbracht. Aber er webt weiter, und legt seine gespenstischen Netzte über die ganze Welt.
         Daß ein Wesen kein Gegenstand ist, begreift er nicht. Das Unendliche kann er nicht denken. Er braucht die Negation dafür, un-endlich, das heißt aber, er dringt nicht ein. Doch nur die sinnliche Erscheinung eines Wesens ist endlich. Über den Rest webt er eben seine Netze, und das Wesenhafte verschwindet aus seinem Blickfeld. Es ist nicht existent. Es gibt nur das Endliche, das Materielle, das sinnlich Wahrnehmbare. Es gibt nur ihn.
         Folglich behauptet der Verstand auch, es gäbe Grenzen der Erkenntnis. Und das stimmt ja auch. Aber nur für ihn. Seine Grenzen sind gegeben mit der sinnlich-materiellen Welt.
 
         Der Verstand zerlegt, um zu erkennen. Er analysiert. Er zerlegt das Ganze in seine Teile, und untersucht die Teile, indem er sie in immer kleinere Teile zerlegt, und untersucht dann noch den Zusammenhalt. Daß er mittlerweile einen Leichnam in Händen hält, entgeht ihm. Er glaubt, die Summe der Teile sei das Ganze. Dies trifft aber nur auf die Welt der physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu. Und eben hier, in der toten Welt, ist er ja an seinem Platz.
         Ein Organismus jedoch ist mehr als die Summe seiner Organe plus Zusammenhalt. In jedem Organismus drückt sich ein Wesen aus. Und das ist nicht mehr da, wenn man seine Hülle zerstört. Außerdem können sich Wesen zu einer neuen Einheit verbinden. Wie die Organe im Organismus. Eine neue Qualität entsteht, die über die Summe hinausgeht.
         Das alles kann und will der Verstand nicht begreifen. Er müsste sich sonst am Ende mit seinem Platz bescheiden, anstatt die ganze Welt zu dominieren. Ob der Verstand wohl auch ein Wesen ist?
 
         Der Verstand erkennt, indem er einen Gegenstand zum Objekt macht. Tautologie! Dabei gibt er sich dem Objekt so vollkommen hin, dass er sich und seine eigene Tätigkeit darüber vergisst. Immerhin, das ist ein schöner Zug von ihm. Ich wünschte mir, ich hätte diese Hingabe!
         Dennoch muß ich sagen, dass eine Erkenntnis, die beim Vorgang des Erkennens nicht auch die eigene Tätigkeit im Bewusstsein hat, eben doch noch sehr unzureichend ist. Im Grunde genommen fehlt ihr der Boden. Und deshalb will ich die wesentlichen Fragen des Lebens lieber einer anderen, vollkommeneren Erkenntnis überlassen.
 
         Es gibt sie ja, zum Glück! Ihre Methode ist das genaue Gegenteil. Sie verbindet, sie sucht die Einheit. Und zieht auf diese Art immer größere Kreise, zu immer höheren Einheiten. Dabei kann der Betrachter gar nicht äußerlich bleiben. Irgendwann kommt die Einheit, in der er selbst aufgeht. Und schon wird das Subjekt zum Wesen. Unter anderen Wesen.
         Diese Art des Denkens nenne ich: die Vernunft.
 
Die Vernunft fängt da an, wo der Verstand aufhört: wo es um Wesen geht, und nicht mehr um Gegenstände. Wo wir den Bereich des Endlichen verlassen.
Wohlgemerkt: das Endliche und das Unendliche, das Wesenhafte und das Gegenständliche durchdringen sich überall. Es gibt keine äußere Grenze. Gerade das Äußere ist eben die Welt, die überall von beidem durchdrungen wird.
Aber in mir, in meinem Bewusstsein kann ich die innere Grenze finden, die dann Klarheit bringt. Durch vernünftige Erkenntnis. Und dadurch ändert sich die Welt entscheidend.
 
Wenn ich einen Menschen aus dem Verstand heraus beurteile, trage ich den Tod in den Bereich des Zwischenmenschlichen. Will ich das? Und ist mir bewusst, was ich da tue? Hier fängt die Entwürdigung des Menschen an. Und seine Bevormundung. Wie tief sind wir in diese Sackgasse geraten! So tief, dass sich das Leben in ihr verselbständigt hat. Und verdorben wurde.
Wenn ich mich selbst als Wesen erkenne, werde ich nach und nach auch die anderen Menschen als Wesen begreifen. Und behandeln. Ich werde sie frei lassen. Ihren Eigenwillen achten. Und vielleicht Gespräche suchen, von Gleich zu Gleich. Trotz unterschiedlicher Fähigkeiten.
 
Die Vernunft erkennt, indem sie vereinigt. Ich erkenne ein Wesen, indem ich mich mit ihm vereinige. Wir sind hier nicht mehr in der körperlichen Welt. Für einen Augenblick werde ich dieses Wesen.
Wie mache ich das? Unbewusst geschieht das im Denken die ganze Zeit. Daß ich einen Gehalt erfassen kann, z.B. die Konjunktion ‚daß’, ist reine Intuition. Verschmelzung mit diesem Gehalt für einen winzigen Augenblick.
Wie mache ich das bewusst? Hier wird das Denken zur Kunst. Zu einer Kunst, an der immer mindestens zwei Wesen aus freiem Willen sich finden müssen.
Also wie mache ich das? Ich mache gar nichts. Fast nichts. Ich stelle einen Freiraum her. Einem anderen Menschen gegenüber, oder in meinem Bewusstsein. In dem sich der andere Mensch oder das andere Wesen offenbaren kann. Wenn er oder es das will.
Erkenntnis wird zum Geschenk! Nicht mehr ich spreche oder denke, sondern der andere Mensch spricht sich aus, oder das andere Wesen, dem ich mein Denken zur Verfügung stelle, denkt in mir. Ich schweige und lausche.
Hier richtet sich die Aufmerksamkeit nicht wie ein Einhorn auf der Stirn aus und will in das Objekt eindringen. Hier schafft die Aufmerksamkeit eine Hülle, also einen freien Raum, in dem das Andere sich offenbaren und sich entfalten kann. Wenn es will.
 
Dieser Erkenntnisvorgang erfordert natürlich Reife. Er ist anspruchsvoll. Es zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, einen Freiraum des Vertrauens einem anderen Menschen gegenüber herzustellen, in dem dieser sich dann aussprechen kann.
Aber jeder Mensch kann sich auf den Weg machen. Und da jeder Mensch ein Wesen ist, also einen Kern in sich hat, der ihn mit dem Unendlichen verbindet, wird das Wesen jedes Menschen auch irgendwann ankommen. Aber das Entscheidende ist, einfach anzufangen. Denn in dem Augenblick gewinnt das Leben wieder an Farbigkeit, an Ausstrahlung, an Lebendigkeit. Der graue Schleier fängt an, sich wieder zu lichten, anstatt sich weiter zu verdichten.
Dieser Vorgang erfordert Unbefangenheit. Ein Ja zum Anderen – und zu sich selbst. Gelassenheit: ich will nicht eingreifen, ich lasse geschehen. Er erfordert die Herrschaft über die eigene Aufmerksamkeit, und eine grundsätzliche Klarheit im Denken, die das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden gelernt hat. Das macht ihn eben anspruchsvoll.
Diese Art der Erkenntnis wurde übrigens von alters her in den verschiedenen Schulen der Meditation gepflegt. Ich lasse alles Alltägliche in meinem Bewusstsein zur Ruhe kommen. Versenkung in die Stille. In dieser Stille, die zugleich aktiv und gelöst ist, können sich feinere, innere Wahrnehmungsfähigkeiten bilden. Eben für das Wesenhafte.
Und das Wesenhafte kann sich dann nach und nach klären, bis hin zu den einzelnen schöpferischen Kräften und Wesenheiten. Die geistige Welt.
Diese Welt ist ja in mir. In meiner Leiblichkeit, aber auch in der Konstitution meines seelischen Lebens trage ich sie mit mir herum.
 
Die Wirklichkeit bekommt dadurch ein ganz anderes Gesicht. Und es wird mir klar, dass es nur einen Punkt in ihr gibt, den ich wirklich verändern kann: mich selbst. Und eben dies wird Leben. Erkenntnisleben, das seine berauschenden Stürze in den Fluß des Lebens münden lässt, und das eigene Leben damit bereichert und bewegt.
Erkenntnis ist ein Prozeß, der sich im Ich, also im Wesenhaften abspielt, und der nicht erzwungen werden kann. Weder von außen noch von innen. Dies trifft auf die Erkenntnisse der Vernunft noch viel mehr zu als auf die des Verstandes. Eine Erkenntnis kann sich mir erst dann ergeben, wenn ich reif für sie bin.
Ich kann mich allerdings bemühen, den Boden dafür zu schaffen. Ich kann Anregungen aufnehmen. Ich kann Anregungen geben.
 
Also: auf der einen Seite ist der Verstand, der die sinnlich-materielle Welt durchdringt, zur Klarheit bringt und die Arbeit in ihr befruchtet.
Auf der anderen Seite die Vernunft, die im Wesenhaften gründet, von hier aus das Leben befruchtet und immer tiefer offenbart. Hier gibt es keine Grenzen der Erkenntnis mehr.
Die Alten nannten diese Welt übrigens die Göttliche. Diese Welt können wir heute neu entdecken und erarbeiten. Und wir müssen es, wenn wir sie verstehen wollen. Denn wir kennen sie nur noch durch eine verzerrte Überlieferung. Und auch diese nur noch durch den vernichtenden Grauschleier des Verstandes.