Sprechen gehört zum Alltäglichsten. Wir bewegen uns alle wie selbstverständlich in der Sprache, wir benutzen sie als Medium. Dabei liegt die Aufmerksamkeit vor allem auf dem Gesagten, auf dem gedanklichen Gehalt, dem Inhalt. Dem Wie, wie wir etwas sagen, schenken wir häufig schon weniger Aufmerksamkeit. Und die weiteren Untergründe der Sprache, ihre Farbigkeit und Lebendigkeit, ihre plastische Kraft, der Klang der Stimme, der Sprachfluss, die ganze bezaubernde Kraft, die sie entfalten kann, das alles sind Elemente, die mehr oder weniger im Unbewussten bleiben.
                                                                                                                         
 

Als Sprachgestalter und jemand, der selber schreibt, komme ich von der künstlerischen Seite an die Sprache heran und befasse mich seit vielen Jahren gerade mit diesen ihren Untergründen. Fragen, die auf das Wesen der Sprache gehen, gehören zu meiner täglichen Beschäftigung. Wie transportiert die Sprache einen Gehalt? Wie kommt ein Bild zustande, eine Gebärde? Wie ist die Sprache entstanden, wie hat sie sich entwickelt? Welche Bedeutung hat sie für uns? Welchen Anteil an der Entwicklung der Menschheit?

Nach und nach haben sich Antworten ergeben, und ich möchte mit diesem Aufsatz versuchen, einiges aus meinen Erfahrungen und Erkenntnissen zu vermitteln. Vieles wird dabei im Vagen bleiben, weil wir in sehr alte Zeiten zurückgehen müssen. Mich führte dabei die Sprache selbst, und durch mein Erkenntnisleben konnte ich die verschiedenen Stufen der Sprachbildung identifizieren mit den entsprechenden Stufen der Bewusstseinsentwicklung.

 

Die grundsätzliche Schwierigkeit der Leser wird die sein, die nachfolgenden Gehalte mit dem Verstand aufnehmen zu wollen. Das geht nicht. Gerade bei den wesentlichen Gehalten müssen diese Leser scheitern. Der Schlüssel zum Verständnis liegt vielmehr im Erleben der Sprache. Man muss die Bilder, ihre Gebärden, und vor allem die einzelnen Laute selbst erleben lernen, dann fängt die Sprache selbst an, ihre Geheimnisse zu enthüllen und ihre Kraft und Schönheit nach und nach zu offenbaren. Ich musste zuerst eine langjährige Schulung des Lauterlebens durchlaufen, um zu der nachfolgenden Anschauung über das Wesen der Sprache zu gelangen.

 

Eine erste, einfache Betrachtung kann ihre Bedeutung ahnen lassen:

-         Sie durchdringt, ja sie gestaltet alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, von der einfachsten Regung im Kreis der Familie bis hin zum größten Ereignis.

-         Die Zivilisation ruht auf ihr. Erst durch die Sprache können wir uns gegenseitig austauschen und befruchten. Erst durch sie konnten Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt und weitergereicht werden, die dann im Strom der unzähligen Generationen den reichen und vielfältigen Boden gaben, auf dem die Kulturen gewachsen sind.

-         Aber sie geht noch tiefer. Denn auch unser Innenleben, insbesondere das Denken, läuft in weiten Teilen in Sprache ab. Sowohl unsere Vorstellungen als auch unsere Begriffe werden bereits beim Auftauchen sprachlich gefasst.

-         Deshalb gibt sie auch den Boden für unsere Identität.

-         Und schließlich: welche Bedeutung hat nicht das Sprechenlernen des kleinen Kindes für dessen gesamte seelisch-geistige Konstitution!

Also wir sehen: die Kräfte der Sprache greifen tief und sind unzertrennlich verbunden mit der Entwicklung der Menschheit. Ohne Sprache kein menschliches Bewusstsein! Sprache ist kulturschaffend im tiefsten Sinn. Wie macht sie das? Wodurch?

 

Tasten wir uns heran. Was mache ich, wenn ich spreche? Nun, ich brauche zunächst einen Gehalt, den ich äußern will. Ich suche die passenden Worte, setzte sie in den richtigen Bezug und äußere sie mit Hilfe des Atems und der Sprachorgane. Jetzt ist der Gehalt draußen, und kann seine Wirkung zeitigen. Sprache besteht also zunächst aus einem Reservoir an Worten und deren Bezügen. Die Worte bilden ab, was da ist, draußen oder in mir. Sie decken im Wesentlichen den menschlichen Horizont ab. Dabei hätte jedes Wort seine eigene kleine Geschichte zu erzählen.

Der heutige Umgang mit den Worten ist dadurch gekennzeichnet, dass wir ihre Bedeutung abfangen. Von klein auf wird uns in unser Gedächtnis eingeprägt, was die Worte bedeuten. Die Aufmerksamkeit wird auf den Sinn, den gedanklichen Gehalt der Sprache gerichtet. Das ist die heutige Kopfsprache. Die äußerste Oberfläche der Sprache.

Wie kommt aber die Bedeutung in das Wort hinein? Oder wodurch kommt sie aus dem Wort heraus? Hier wird es schon schwieriger. Da die Sprache organisch gewachsen ist, können wir das am besten aus ihrem Entwicklungsgang heraus verstehen. Lassen wir diese Frage also erst einmal stehen, gehen wir weiter zurück und hoffen, dass sich die Antwort später ergeben wird. Schauen wir uns einmal die

 

 Grundelemente

 

der Sprache an: die Laute einerseits und den Sprachfluss oder die Rhythmen andererseits. Indem die Silben sich miteinander verbinden, fängt die Sprache an, zu fließen. Dieser Fluss, dieses rhythmische Element ist ihr Leben. Die einzelnen Laute hingegen geben der Sprache ihr Wesen. Warum?


Das zu erkennen heißt eben, die Laute erleben zu lernen. Es gibt zwei grundverschiedene Gattungen von Lauten: die Konsonanten und die Vokale. Schauen wir uns zunächst die Konsonanten an. Nehmen wir ein Beispiel: B. Wie bilde ich es und wie erlebe ich es? Ich schließe die Lippen und staue den Atem dahinter: Lippenverschluß. Dann lasse ich die Lippen durch den Druck des Atemstaus platzen: B. Und weil der Laut noch Stimme hat, steht er noch im Saft. Wenn ich die Stimme weglasse, entsteht: P. Dieselbe Bildung, aber der Laut ist trocken und spröde. Und ganz entsprechend der Bildung erlebe ich beim B eine feste Form, und zwar die einer Hülle.

Wenn ich dasselbe am Gaumen mache, also Gaumenverschluss, bekomme ich: G. Wieder eine feste Form, aber diesmal, entsprechend der Bildung, eine solche, die den Raum öffnet, oder besser, ihn freisprengt, oder etwas wegschiebt. Und vertrocknet, also ohne Stimme: K. Ein Schlag mit der Handkante! Wir sind hier in einem sehr feinen Bereich des Erlebens, den ich nur tastend beschreiben kann.

Neben den festen Formen der Stoßlaute gibt es aber auch die in sich bewegten Formen wie das L oder die strömende Wellenform des W, und es gibt mehr formauflösende Elemente wie das SCH. Kurzum, wir sind hier im Bereich der Formkräfte. Ich gebe meinem Atem eine bestimmte Gestalt mit, ich plastiziere mit meinen Mundwerkzeugen Formen in den Atemstrom. Konsonanten sind also im weitesten Sinne Formkräfte. Die hängen wiederum mit der Ich-Kraft zusammen, die selbst nichts anderes als Gestaltungskraft ist, und es ergibt sich hier ganz unaufdringlich ein Zusammenhang zwischen der Artikulation und dem Ich eines Menschen.

 

Und die Vokale? Wie bilde ich sie? Ich lasse den Atem durch die Stimmbänder im Kehlkopf strömen, und benutze den Mundraum als Klangkörper: wenn ich den Mund ganz öffne, bekomme ich das A, wenn ich ihn fast schließe und die Lippen spitze das U. Die anderen liegen dazwischen. Und natürlich schwingt der ganze Körper dabei mit. Zumindest wenn ich aus der Kopfsprache herausgehe.

Wie erlebe ich das A? Versuchen Sie es. Wiederum entspricht das Erleben des Klanges dem der Bildung. A heisst: ich öffne mich. Die Seele geht auf. Sie weitet sich. Diese seelische Bewegung des sich Öffnens kommt zum Ausdruck im A. Etwa im Erstaunen.

Und das U? Das Gegenteil: Die Seele sammelt sich, sie bündelt sich, oder auch: sie zieht sich zusammen, wie in der Furcht. Also die Vokale sind das klangliche, das musikalische Element der Sprache, die Innerlichkeit. Der Vokal plastiziert den Atemstrom nicht, er durchtönt ihn.

Und nun fügen sich die beiden Elemente zusammen. Innen das Innerliche, der Vokal, und außenherum die Hülle, die Haut, die bestimmte Form durch die Konsonanten. Innere Bewegtheit und äußere Bewegung oder Gestalt, die aber immer noch durchfühlt ist. Und es ergibt sich: die Silbe, die Urzelle der Sprache.

 

Nehmen wir ein erstes Beispiel zur Veranschaulichung: Ball. Was erlebe ich durch die Laute? B: eine Hülle, etwas Rundes außenherum. A: Erstaunen. L: es fließt, in dem Fall: es rollt. Durch das doppelte L wird das A kürzer und das Ganze rollt noch schneller: Ball. Allerdings sind die heutigen Worte nicht immer so einfach zu nehmen wie dieses. Aber dazu später mehr.

 

 Der Geburtsvorgang der Sprache

 

Und nun der Sprung in die Geschichte, oder besser: in die Vorgeschichte der Menschheit. Es ist natürlich außerordentlich schwierig, sich konkrete Vorstellungen zu bilden über die Anfänge der Sprachentwicklung. Das Bewusstsein ist gar zu weit weg von dem unsrigen. Aber eines ist gewiss: als erstes mussten die Laute erobert werden! Und das muss ein sehr lebendiger Prozess gewesen sein, denn unseren heutigen Kopf hatten die damaligen Naturen nicht zur Verfügung!

Mir ist dabei immer hilfreich gewesen, mir zu veranschaulichen, wie aus einfachen Fortbewegungsgliedmaßen die feinen Arbeitswerkzeuge, Geistwerkzeuge der Hände sich bilden konnten. Eine ähnliche Entwicklung müssen die Sprachorgane durchgemacht haben. Durch lange Zeiträume hindurch wurden einzelne Laute oder einfache Lautverbindungen errungen, und dieses Ringen hat zugleich bildsam auf den Kopf und insbesondere die Sprachwerkzeuge, und vermutlich sogar auf die ganze Leiblichkeit gewirkt. Im Sinne einer Verfeinerung und Veredelung.

 

Was gab aber die Impulse dazu? Werfen wir, um das besser verstehen zu können, einen Blick ins Tierreich. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die Lautäußerung da entsteht, wo die Evolution den Schritt macht zum warmen Blut. Die Welt der Empfindungen, die vorher noch sehr dumpf ist, wacht auf! Die Vögel sind die ersten Wesen, die Laute äußern bzw. singen. Was es darunter gibt an Geräuschen, etwa bei Reptilien oder Insekten, ist mechanisch erzeugt, nicht mit einer Stimme.

Und was äußern die Tiere? Sie äußern ihre augenblickliche Befindlichkeit. Ihre leibliche Befindlichkeit, oder eine Empfindung, die sich aus einer Wahrnehmung ergibt. Und es sind immer unmittelbare Empfindungsäußerungen, daher auch durch und durch vokalisch. Von einer Sprache im engeren Sinne kann man noch nicht sprechen.

Der zweite wesentliche Unterschied zu unserer Sprache ist der, dass bei den Tieren jede Gattung ihren bestimmten Ruf hat. Der natürlich eine gewisse Spannbreite hat, innerhalb der eben die verschiedenen Empfindungen zum Ausdruck kommen können. Aber mit diesem spezifischen Ruf ist das Wesen eines Tieres eben lautlich bereits erschöpft. Dieser Ruf ist eine Wesensbezeugung.

Beim Menschen ist das die Stimme. Aber er hat sich die Fähigkeit erworben, alles, was ihm zu Gehör kommt, ja alles, was ihm durch die Seele zieht, auch lautlich nachbilden zu können. Im Grunde genommen deckt er mit seinen Lauten die gesamte Spannweite der akustischen Welt ab. Er ist von vorneherein auf das Ganze angelegt.

 

Und hier taucht die entscheidende sprachbildende Kraft auf: es ist die Kraft der Nachahmung! Wie auch bei dem kleinen Kind. Aber was steckt nicht hinter dieser Kraft! Es ist die erste eigene Tätigkeit! Was unsere Ahnen vorher gemacht haben, lag einfach in ihrer Natur, ja sprichwörtlich noch in der Natur selbst, es war durch Instinkte gegeben. Und nun durchbrechen sie die Welt der Natur, indem sie etwas in ihr nachahmen. Das ist etwas Neues. Natürlich nicht, was sie nachahmen, aber dass sie nachahmen: erste eigene Tätigkeit.

Dies ist der Keim dessen, was uns heute als Ich zu Bewusstsein kommt. Es ist eine erste schöpferische Tat. Ein Funke des schöpferischen Geistes hat sich im Leib inkarniert, hat diesen aufgerichtet, das heißt, ihn aus der Natur herausgehoben, so dass das Haupt frei wurde, die Hände frei wurden, hat das Gedächtnis hineingearbeitet, hat die Sprache aus dem Seelischen herausgeschält, und schließlich das Denken ergriffen, in dem er sich seiner selbst bewusst werden kann: als Ich.

Das ist der wesentliche Unterschied zum Tierreich: dieses schöpferische Ich, das uns heute, nachdem es so lange in die Leiblichkeit hinein- und das Seelische herausgearbeitet hat, langsam zu Bewusstsein kommt. Nach und nach, und die letzten Schritte tauchen zuerst wieder auf.

Ohne diese schöpferische Kraft ist die Entstehung der Sprache nicht zu verstehen. Und die Aufrichtung muss bereits im Gange sein, denn nur, was ich mir gegenüberstellen kann, kann ich auch nachahmen. Und ich brauche das Gedächtnis dazu, um meinem ursprünglichen Ruf etwas Neues, zunächst Fremdes hinzuzusetzen und einzugliedern.

 

Diese alte Menschheit erlebte sich also im Schoß der Natur, erlebte die Naturkräfte, und sah sich veranlasst, diese Naturkräfte durch die Kraft der Nachahmung lautlich aus sich herauszusetzen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Erleben. Das unmittelbare Erleben ist noch Mittelpunkt des Bewusstseins. Denken gibt es noch nicht. Das Erleben ist wesenhaft, und die mächtigsten Erlebnisse werden auch die ersten und wichtigsten Impulse für die Lautbildungen gewesen sein.

Also zum Beispiel die Sonne, oder eine Naturkraft, die als göttliches Wesen erlebt wurde, ein Wesen, das gewaltig größer ist, in dessen Abhängigkeit man sich fühlte, das einem Furcht und Ehrfurcht einflößte, dem man seine Verehrung entgegen brachte, dem man seinen Dank zutrug mit seinem Gesang. Denn Gesang war dies noch, urkräftiger Gesang, der aus dem ganzen Wesen herauskam, der vielleicht an besonderen Orten abgehalten wurde, vor der versammelten Sippschaft, die selber wiederum bis in die Glieder hinein ergriffen wurde von diesem Gesang, vielleicht so mächtig, dass sie sich in ekstatischen Tänzen um diese Urpriesterin herum bewegte.

Auch das Erleben der Nachahmung selbst, die erste eigene Tat, durch die man ja in ein ganz neues Verhältnis zu den Wesen in und um einem kam, war zunächst vielleicht mit rausch- oder ekstase-ähnlichen Zuständen verbunden.

 

So beginnt also ein Leben in den Lauten, in ersten, einfachen Lautverbindungen. Meiner Meinung nach hatte dies sehr stark kultischen und ekstatischen Charakter. Der ursprüngliche Bereich der Lautäußerung, der also der Tiersprache entspricht, wo sich etwa ein Tönen aus dem Leib herauslöst und einer Empfindung Ausdruck verschafft, mag den Boden gegeben haben, aus diesem Impuls mag sich der Kehlkopf gebildet haben. Zur eigentlichen Sprachbildung trägt er aber eben nur die Stimme bei, das heißt ein mehr oder weniger dumpfes Tönen, und vielleicht die Erfahrungen aus einem ersten, noch natürlichen Spiel mit den Mundwerkzeugen, also Gaumen, Zunge, Zähne und Lippen. Diese noch natürliche Stufe lebt in der heutigen Sprache fort in den Interjektionen: mmh, au! Igittigitt, usw.

Ein eigener Wille, ein willentliches Ergreifen der Sprachorgane fängt erst da an, wo das schöpferische Element auftaucht. Wo durch die Kraft der Nachahmung aus dem inneren Erleben und Nacherleben heraus Laute erzeugt werden, durch die ein anderes Wesen angerufen wird. Dies ist die ergreifende und berauschende Geburtsstunde der Sprache! Und damit zugleich des eigenen seelischen Lebens.

 

Dabei ist die Nachahmung natürlich nicht beschränkt auf Geräusche, die gehört werden. Nein, etwas anderes ist viel bestimmender: wenn ich eine Naturkraft wesenhaft erlebe, entsteht ein Bild in mir, ein bewegtes, lebendiges Bild dieses Wesens. Mit diesem Bild ist auch ein Bezug gegeben, etwa Verehrung, oder Furcht. Das fließt in die Vokale. Dieses Bild hat aber auch Gebärden und Formen, und das Erleben dieser Gebärden und Formen deckt sich mit dem Erleben bestimmter Konsonanten. Die wesentlichen Eindrücke fließen wie von selbst in die entsprechenden Konsonanten.

Ich kann also ein erlebtes Bild nachahmen, indem ich es einfach lautlich male! Und die damalige Menschheit musste sich nicht erst anstrengen, um die Laute zu erleben. Bei ihnen war gerade das Erleben noch ursprünglich und urkräftig. Außerdem war das Erleben der Laute natürlich noch konkret, nicht so allgemein wie oben bei meinen Beispielen. Je nachdem, in welchem Zusammenhang eine Lautverbindung stand, konnte im A etwa die weite Bläue des Himmels, oder im U das Erleben der Nacht erfühlt werden, das B konnte den Kelch der Blüte nachformen oder die leichte Wölbung eines Blattes usw.

Wir müssen uns auch vor Augen halten, dass wir es hier noch mit Gruppenwesen zu tun haben, die das Denken noch nicht individualisiert hat. Ein gemeinsames Bewusstsein umspannte eine ganze Sippschaft oder einen Stamm, und das war sehr hilfreich beim Erfassen dieser Lautspiele.

 

 Die Wiege – Name ist Wesen

 

Auf diese Art konnten sich mithilfe des Gedächtnisses langsam Namen herausbilden. Nicht Namen im heutigen Sinne. Nein, lautliche Kleider, sagen wir zuerst für Götter, die so gewoben waren, dass ihre Intonation hinführte zu diesen Göttern, weil im Erleben der Lautfolge das Bild wesenhaft aufstieg. Der Name war nichts anderes als eine Erscheinungsform des angerufenen Gottes, eben die lautliche. Name und Wesen sind noch eines! Das waren eben noch göttliche Zeiten – und es fällt uns heute sehr schwer, uns in diesen unschuldigen, aber urkräftigen Zustand hineinzuversetzen.

 

Es liegt nun auf der Hand, dass die Menschen unterschiedlich begabt waren für diese Fähigkeit. Einige gingen voran, und vielleicht hat sich hier bereits eine Art Urpriestertum herausgebildet. Diese Fähigkeit wurde als magisch erlebt. Tatsächlich hatten diese Urpriesterinnen große Macht über ihre Genossen. Sie konnten sie in Verzückung versetzen. Sie wussten die Namen der Götter! Sie konnten sie anrufen und erscheinen lassen. Das war Magie! Sie waren die Verbindung zu den Göttern, ihre Vertrauten.

 

Die Ursprache 


Nun kann die Sprache in die Breite gehen. Die wichtigsten Dinge der Umgebung und des Alltags finden ihre Namen. Orte, Pflanzen, Tiere, Naturdinge, die man vielleicht schon als Werkzeuge gebrauchte. Dann auch die vertrautesten Tätigkeiten. Natürlich Namen im obigen Sinn: die Lautfolge bringt das Wesen des angesprochenen Dinges zur Erscheinung.

Aber durch den alltäglichen, immer breiter werdenden Umgang mit Worten verlieren diese nach und nach ihre ursprüngliche Kraft. Immer mehr Worte kommen hinzu, die von vornherein gar nicht so sehr ergreifen. Ein Stock ist nicht so gefährlich und schon gar nicht so wesenhaft wie ein Sturm.

Und damit bereitet sich, in sehr langen Zeiträumen, der nächste Schritt in der Sprachentwicklung vor. Weil die Kraft der Worte nicht mehr so verzaubert, können diese anschaulich werden. Man kann sie ein Stück weit aus sich heraussetzen. Und der Schwerpunkt des Spracherlebens verlagert sich von der Kraft, von der Willensseite auf den Bildcharakter der Worte. Die Worte bekommen ein anderes Leben. Sie schießen nicht mehr in die Glieder, in den Willen, sie kommen zur Anschauung, sie werden, aus den Lautgebärden heraus, zum Bild.

 

Natürlich hat jedes Wort von vorneherein auch einen Bildcharakter. Die Frage ist nur, inwiefern mich die Magie freilässt, dieses Bild zu erleben. Und die noch wichtigere Frage ist die, für welche Bilder mein Bewusstsein reif ist. Es gibt Bilder, die wie mit Naturgewalt in der Seele aufsteigen, und andere, die sich vielleicht mehr auf die Kleinigkeiten des Alltags beziehen, für die das Bewusstsein erst aufnahmefähig werden muss.

Dies trifft übrigens auch auf den Gesichtssinn selbst zu: wenn ein Säugling in den Schatten eines Baumes gestellt wird, so nimmt er keineswegs ‚Baum’ wahr. Sondern eine bestimmte Komposition von Farben. Erst das Denken erkennt darin den Baum. Nur ist uns dieser Vorgang so geläufig, dass wir den Eindruck haben, der Baum sei eine unmittelbare Wahrnehmung. Die Vorstellung gehört bereits unzertrennlich mit zur eigentlichen Wahrnehmung.

Aber dieses Bewusstsein musste erst errungen werden. Und zwar durch ein Denken, das noch unbewusst arbeitet, das noch nicht zu sich selbst gekommen ist, und das die Gesichtseindrücke, oder in der Sprache die Lautgebärden, zu einem bestimmten Bild verwebt. Auf dieser Stufe der Bewusstseins- bzw. Sprachentwicklung sind wir jetzt angekommen.

 

Nehmen wir ein kleines Beispiel aus der heutigen Sprache: schlüpfen. Wir erfassen das Wort begrifflich. Aber es hat immer noch einen Bildcharakter, der sich aus den Gebärden der einzelnen Laute heraus ergibt. Machen wir die Sache konkret: eine Schwalbe schlüpft ins Nest. Sch: sie fliegt an die Öffnung heran. L: sie schlüpft hindurch. Ü: freudiges Überraschtsein. Pf: jetzt ist sie drin. En: verbaler Ausklang. Natürlich reicht das Wort nicht in diese alten Zeiten, trotzdem kann es vielleicht sogar dem ungeschulten Lauterleben veranschaulichen, was ich hier mit Bildcharakter meine. Das Bild liegt im Wort und kommt unmittelbar aus ihm heraus. Der Vorgang des Schlüpfens.

 

Also die Sprache macht hier den Schritt vom Wesen zum Bild. Und zugleich gewinnt das menschliche Bewusstsein dadurch Freiraum. Eine Ursprache kann sich bilden, die nach und nach alle Bereiche des damaligen Lebens durchdringt.

Und mit dieser Sprache kann jetzt ein Austausch, eine gegenseitige Bereicherung beginnen. Der Boden ist gegeben für erste archaische Kulturen. Jeder kann diese Sprache ‚verstehen’, da sie immer noch unmittelbar am Lauterleben hängt. Auch wenn etwa verschiedene Kulturen anderes Sprachgut entwickeln, ist eine Verständigung möglich.

Wir dürfen natürlich nicht vergessen, dass die Gehalte, die dabei zum Ausdruck kamen, immer noch sehr verschieden von den unsrigen sind. Unser ganzes heutiges Sein ist bestimmt durch die Denkkraft. Die damalige Seele steht noch im vollen Saft der Lebenskräfte, eine Lähmung dieser Kräfte durch das Denken hat noch nicht stattgefunden.

Das macht es so schwer, sich in den Bewusstseinszustand dieser Entwicklungsstufe hineinzuversetzen. Wir müssten nicht nur das Denken aus unserem Bewusstsein abziehen, was schwer genug ist, sondern uns auch noch hineintasten in ein Erleben der Lebenskräfte. Auch wenn dies damals noch nicht in unserem Sinne ‚bewusst’ war. Und wie sieht eine archaische Kultur aus, die ihre Umgebung aus den Lebenskräften heraus prägt? Die vielleicht nur deshalb keine Spuren hinterlässt, weil sie noch gar nicht in die tote, die mineralische Welt hineinarbeitet? Es fehlt in den Mythologien nicht an Hinweisen auf eine alte, untergegangene Kultur. In der Genesis entspricht dies der vorsintflutlichen Zeit. Noch Platon spricht von der sagenhaften, versunkenen Atlantis.

Entsprechend sind wir hier immer noch mehr im Gesang, in einem spielerischen, klangvoll-rhythmischen Weben. Auch sind die Worte nicht bis ins Kleinste festgelegt, sondern haben noch ihren eigenen Spielraum, ihr eigenes Leben.

 

Gibt es in unserer Sprache noch Worte, die ohne große Veränderung aus diesen Zeiten heruntergekommen sind? Ja, einige Wenige. Eines ist sogar noch in Gebrauch! Ich kenne zum Beispiel keine Sprache, in der die Kinder ihre Mutter nicht Mama nennen! Dieser Name übergreift die Völkersprachen und geht damit eindeutig über sie hinaus, in eine Ursprache. Was liegt hier vor? Wie kommen die Kinder dieser Welt dazu, häufig ja wirklich ganz von alleine, ihre Mutter Mama zu nennen?

Zunächst ist klar, dass das kleine Kind, wenn es anfängt, die Dinge zu benennen, natürlich dem Wesen den ersten Namen gibt, das sein Ein und Alles ist: die Mutter. Aber wieso Mama? Schauen wir uns die Laute an. Der einfachste Laut ist der, wo ich gar nichts machen muss. Ich intoniere nur. Bei geschlossenem Mund gibt das: M, bei offenem: A. M und A sind also Urlaute, die einfachsten Laute, die also auch die ersten und vertrautesten sind.

Wie wird das M erlebt? Es durchklingt den ganzen Körper und insbesondere den Bauch auf eine wohlige Art: mmh. Gerade so wie die Muttermilch, wenn es gesäugt wurde! Und das A hatten wir bereits: das Kind öffnet und löst sich, wenn es die Mama sieht. Also M und A. Aber Ma genügt noch nicht, das wäre noch nicht lebendig. Und was ist die einfachste rhythmische Gestalt? Die einfache Wiederholung. Mama. Weltweit!

 

Man kann ansonsten solche Worte noch finden in den alten Überlieferungen. In der Völuspa der Edda etwa gibt es einige Namen von göttlichen und elementarischen Wesen, wo das Wesenhafte geradezu noch greifbar ist. Vermutlich auch unter alten indischen Mantren. Eines aus der Genesis möchte ich hier anführen. Ich gehe davon aus, dass Moses die Weltentstehung nicht erfunden, sondern nur neu gefasst hat. In allen Mysterienströmungen sind diese Gehalte lebendig, und wurden unter den Priestern von Generation zu Generation mündlich überliefert. Ich sehe keinen Grund, warum diese Überlieferungen nicht in sehr, sehr alte Zeiten hinaufreichen sollten.

Luther übersetzt den Beginn der Genesis mit: ‚Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, . . .’ Dieser zweite Satz heißt im Urtext: Tohu Wa Bohu. Der Volksmund hat dieses Wort aufgeschnappt und gleich richtig verstanden: was ist das für ein ‚Durcheinander’! Was ergibt das Lautbild, wenn dieses Wort kraftvoll intoniert wird? Etwas wie zwei mächtige, warme, dunkle Wolken, die ineinander wogen. Erst in den nächsten Sätzen werden dann Himmel und Erde geformt und geschieden. Wir haben es hier also noch mit einem ungeschiedenen Urzustand zu tun. Und diese Laute malen also ein kosmisches Kräftegewoge, aus dem dann Himmel und Erde entstehen! Ich stelle mir vor, dass die Mysterienpriester in alten Zeiten diese Urworte intonierten, um die auserwählten und vorbereiteten Zöglinge in die Geheimnisse der Schöpfung einzuweihen. Die Kraft der Laute erweckte in ihnen die Urbilder des kosmischen Werdens.

In der griechischen Mythologie heißt dieser selbe Zustand übrigens: Chaos. Ganz anderes Lautbild! Ich glaube trotzdem, dass die hebräischen Priester das griechische Chaos sehr leicht im eigenen Tohu Wa Bohu wiedergefunden hätten. Und umgekehrt. Die Hebräer erlebten an diesem Zustand eben stärker die Willensseite, nämlich das ungeformte Kräftegewoge, während für die Griechen mehr die kosmische Größe dieses Urzustandes im Vordergrund stand. Außerdem wurden diese Worte ja immer aus ihrem bestimmten Zusammenhang heraus erlebt.

In der Edda, also in der nordisch-germanischen Mythologie, heißt dieser Zustand Ginnunga-Gap. Hier wird es schwieriger. Die Germanischen Priester erlebten diesen Zustand offenbar als dunklen, gähnenden Schlund, in dem man sich verlieren kann. Also noch viel organischer, stärker durch die eigene Leiblichkeit hindurch.

 

Nehmen wir noch ein drittes, jüngeres Beispiel. Klopfen wir einmal das Wort Mensch auf sein Alter hin ab. Wir finden im Mittelhochdeutschen mensch, im Althochdeutschen mennisco, etwas älter mannisco, und kommen zu einem gemeingermanischen Adjektiv, das etwa im gotischen mannisks lautet und eine altindische Entsprechung in mennskr hat, immer noch mit der Bedeutung ‚menschlich’. Das gotische Substantiv dazu ist manna, und aus dieser Linie ergibt sich unser Pronomen man, das Hauptwort Mann, aber auch zum Beispiel das englische und schwedische man.

Verfolgen wir die altindische Spur weiter, so stoßen wir auf das Wort manuh, das als Substantiv Mensch, Mann, und als Adjektiv denkend, klug bedeutet. Nun gibt es in der indischen Mythologie die Gestalt des Manuh, der während der Sintflut von einem Fisch auf den Himalaya gerettet wurde, und damit zum Stammvater der nachsintflutlichen Menschheit wurde. Es ist ganz offensichtlich dieselbe Gestalt, die wir aus der hebräischen Mythologie als Noah kennen – bis in den Namen hinein: Noah – Nuh – MaNuh. Hier können wir sogar ein konkretes Alter dieses Namens bestimmen. Wenn wir davon ausgehen, dass sich hinter den Sintflutsagen das Ende der letzten Eiszeit verbirgt, wären wir hier etwa zehn- bis zwölftausend Jahre vor unserer Zeit.

Also der Stammvater der heutigen Menschheit wird als der Denkende bezeichnet und gibt uns seinen Namen: Mensch. Ist das nicht stimmig? Vermutlich wird man dieses ‚letzte’ Urwort in vielen Sprachen und in sehr vielen Bildungen finden können, wie z.B. im Lateinischen als mens, Sinn, Verstand, vermutlich auch als manus, die Hand, das Werkzeug des Denkenden usw.

 

Wir sehen im zweiten Beispiel auch, dass sich die Urkraft der Sprache auf der zweiten Stufe der Sprachbildung nicht gänzlich verloren hat. Sie hat sich nur zurückgezogen in die heiligen Stätten. Ein Urpriestertum hat diese Sprachkräfte weiter entwickelt und gepflegt. Und natürlich benutzt. Und wurde dadurch zum kulturbildenden und -tragenden Element.

Diese Kräfte wurden eingesetzt, um Einfluß zu nehmen auf die pflanzliche und animalische Welt. Vielleicht hat sich unser Korn, haben sich unsere Haustiere nicht nur durch einen Ausleseprozeß entwickelt. Heutige Forschungen belegen einen Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Pflanzen und ihrem akustischem Umfeld. Und bei den Tieren liegt dies auf der Hand: ich kann mit meiner Stimme Vertrauen schaffen, ich kann erschrecken usw. Wieviel stärker kann dieser Einfluß sein, wenn ich aus einer wesenhaften Wahrnehmung des Tieres, aus einem lebendigen, reinen seelischen Erleben und der ganzen seelischen Kraft heraus spreche!

Diese Kräfte wurden für eine Heilkunst eingesetzt. Auf der einen Seite hatte man die Kräuter, überhaupt die Ernährung, die man ja noch viel intensiver, ursprünglich eben wesenhaft erlebte. So wie die Kuh auf der Wiese ganz genau erlebt, durch den Geruch und den Geschmack erlebt, welche Kräuter ihr gerade gut tun. Dieses Erleben wurde unter den Urpriestern gepflegt und in Erfahrung bzw. Weisheit umgesetzt. Und dazu kam das Erleben der Sprachkräfte.

Diese fanden vielleicht vor allem da Anwendung, wo die Ursachen im Seelischen lagen. Es gab eben mittlerweile ein eigenes Seelisches, und das war anfällig für Krankheiten. Die Alten erlebten das als eine Art Besessenheit: böse Geister hatten einen Menschen ergriffen und hielten ihn gefangen. Diesen Geistern konnte der Priester – aus seiner Reinheit und Weisheit heraus – mit den Kräften der Sprache beikommen. Überlieferte Zaubersprüche aus dem Vedanta, oder etwa die Merseburger Zaubersprüche, legen Zeugnis darüber ab. Allerdings in dekadenter Form.

Diese Kräfte wurden eingesetzt, um auf Witterungsverhältnisse Einfluß zu nehmen. Und natürlich, um das Stammesleben selbst mitzugestalten, insbesondere durch Fluch und Segen.

 

Die Bedeutung zieht ein

 

Was ist nun der nächste Schritt in der Sprachentwicklung? Das Denken arbeitet sich an die Oberfläche und wird greifbar als Bedeutung. Die Worte machen den Schritt vom Bild zur Bedeutung. Wir haben gesehen, wie das Denken bereits im Bild drin ist. Wie das Denken das Bild erst webt. Aber auch in den Lebenskräften, in der Naturkraft überhaupt, ist das Denken drin. Hier ist es allerdings ein schaffendes Denken, es ist eins mit der Kraft, noch nicht geschieden von ihr. Erst ein betrachtendes Bewusstsein scheidet das Denken von der Kraft, in der es durch die Wahrnehmung auftritt. Und was im Bewusstsein bleibt, ist der Gedanke. Aber jetzt webt er nicht mehr im Leben. Er ist Leichnam geworden. Spiegel. Bewusstseinsprozesse auf unserer Stufe sind Todesprozesse.

Der Gegensatz dazu ist das unmittelbare Erleben, so wie es auch unser Ausgangspunkt war. Hier hat das Bewusstsein noch keinen Freiraum, es ist noch ganz eingetaucht in das Leben. Wie in Trance. Das Wesen handelt unmittelbar, instinktiv. So gesehen ist der Weg, den ich hier zeichne, nichts anderes als der Weg des schaffenden Denkens zu sich selbst. Bis es sich in der denkenden Betrachtung selbst ergreift als Subjekt: Ich. Aber so weit sind wir noch nicht. Noch kann die Bedeutung nicht in sich selbst leben, sondern braucht die konkrete Wahrnehmung, um sich zu entzünden.

 

Aus dem Bildgehalt der Sprache wird der Bedeutungsgehalt abgefangen. Der Schwerpunkt des Bewusstseins verlagert sich weiter nach oben, zum Kopf hin, zum Sinn. Das bildhaft-musikalische Erleben, und noch mehr die lebendige Urkraft verlieren sich – immer in langen Zeiträumen gedacht – nach und nach ins Unbewusste.

Wieder setzt die Menschheit die Natur ein Stück weiter aus sich heraus. Und wieder kommt sie dadurch in einen anderen Umgang mit ihr und natürlich mit sich selbst. Bedeutungen sind verbunden durch Bezüge. Diese liegen natürlich im Denken selbst. In dem Maße, wie sie gegriffen werden können, können sie auch nutzbar gemacht werden.

Bislang wurden Naturgegenstände gebraucht aus der Erfahrung heraus und Kraft des Gedächtnisses. Durch die gedankliche Durchdringung, durch ein erstes Verstehen des entsprechenden Vorgangs können nun Werkzeuge angefertigt und viel gezielter eingesetzt werden. Aus Stein, aus Knochen, Holz, pflanzlichen Stoffen, Fellen usw. Ein gewaltiger Schritt in der Entwicklung wird ausgelöst.

 

Für die Sprache selbst bahnen sich zwei große Veränderungen an. Zum einen schafft das Denken natürlich auch Bezüge zwischen den Worten: die Grammatik entsteht! Nicht dieses monströse und erstarrte Regelwerk, das wir heute unter Grammatik verstehen. Nein, hier, in der Bildung, ist sie noch lebendig.

Bedeutungsgehalte werden zusammengestellt. Also Worte zu einem Zusammenhang gebündelt: der erste Satz ist da. Agglomerierende Sprache. Dann werden die Worte unter ihren Bezügen gebeugt, das Wort wird flektierbar. Die Zeit, der Raum, die Kausalität ziehen mit dem Denken ein in die Sprache, schaffen ihre Beugungen und lassen Verhältnisworte entstehen. Der Bedeutungsgehalt wird genauer und reicher. Dabei ist die Richtung die von der Bewegung zur Ruhe. Vom Erleben zum Denken. Vom Verbum zum Nomen. Namen im heutigen Sinn: Lauthüllen für Sinn- und Zeichengehalte.


Die Völkersprachen – Sprache der Kulturen

 

Die andere Veränderung, die mit diesem Schritt einhergeht, mündet schließlich in die Entstehung der Völkersprachen. Der Bedeutungsgehalt drängt den Lautgehalt in den Hintergrund, und schließlich ins Unbewusste. Dadurch können die Worte eine Entwicklung nehmen, die vom Lautgehalt nicht mehr unbedingt nachvollzogen wird. Die Entwicklung macht sich nach und nach unabhängig vom Lautgehalt.

Das heißt aber, dass sich hier Worte bilden, die nur noch in dem kulturellen Umkreis verstanden werden können, in dem sie entstehen und in Gebrauch sind. Die Laute selber helfen nicht mehr weiter. Die Sprache fängt an, geschlossene Räume zu bilden: dies ist das Entstehungsmoment der Völkersprachen.

 

Und wenn wir jetzt noch weitergehen, in die Wiege der Zivilisation im eigentlichen Sinne, dann sehen wir, wie diese Entwicklung ungeheuer an Dynamik gewinnen muß. Die Verstandeskraft greift immer stärker, gezielter und sicherer in das Leben der Menschen ein. Diese erobern sich immer mehr Herrschaft gegenüber der Natur. Sie prägen ihre Umgebung immer stärker und werden aktiver in dem Sinne, dass sie letztlich eine eigene Welt erzeugen.

Ackerbaukulturen entstehen und münden bald in erste Hochkulturen. Erde und Ton werden verarbeitet, Handwerke entstehen, ein Städtewesen mit Verkehr und Handel usw. Das geht einher mit neuen Anschauungen, mit einer Fülle von neuen Tätigkeiten und Gebrauchsgegenständen, die benannt werden wollen, die der Sprache neue Prägungen und Wendungen abgewinnen, die viele Worte in einen Bedeutungswandel ziehen.

Die Genesis zeichnet dieses Geschehen im Bild vom Turmbau zu Babel. Dieser steht für die Entstehung der Zivilisation, und die babylonische Sprachverwirrung ist nichts anderes als der Verlust der Ursprache und der Gang in die Völkersprachen.

 

Werfen wir – aus heutiger Sicht – einen Blick in die Sprachwerkstatt und schauen uns einige Wortbildungen, -ableitungen und ihren Bedeutungswandel an. Etwa in den Worten fassen, Faß, Gefäß. Auch Fessel kommt aus derselben Wurzel. Fassen hat zunächst eine sehr konkrete Bedeutung und wird erst später im übertragenen Sinne gebraucht.

Oder die Worte weben, Wabe, Wespe, Waffel. Hier liegt der Zusammenhang schon tiefer, kann aber vielleicht gerade noch gegriffen werden.

Das Wort bewegen wurde im Mittelhochdeutschen verwendet für ‚sich zu etwas entschließen’. Das Althochdeutsche biwegan hieß ‚abwägen’, und ohne Präfix, also wegan, hieß ‚wiegen, Gewicht haben’. Daheraus leitet sich unser heutiges wägen ab. Auch die Kausalpräposition wegen wird hier greifbar. Und im engeren Sinne lassen sich die Worte Gewicht, Wucht, Waage, im weiteren Sinne die Worte sich wagen, Woge, Wiege, Weg und Wagen davon herleiten.

Eine besonders reich verzweigte Gruppe hat sich um das Wort fahren gebildet. Hierzu gehören u.a. Fahrt, führen, fort, fertig, Furt, Fähre, Fuhre, fahrig, dazu Zusammensetzungen wie Vorfahr, fahrlässig, widerfahren, Fuhrwerk, Hoffart usw., oder Präfixbildungen wie Gefahr, Gefährte, erfahren, auffahren, zerfahren usw. Und nicht zuletzt die Vorsilbe ver-.

Sobald wir aus dem begrifflichen Erfassen ins Bild gehen,  wird uns der Zusammenhang dieser Worte durch ihre Bedeutung klar. Wegzufahren war gefährlich, und es war gut, jemanden dabei zu treffen, mit dem man durch die Gefahren gehen konnte: einen Gefährten. Aber es wird auch klar, dass der Sprachgeist hier auf der Ebene der Bedeutungen arbeitet, und das lautliche Erleben hier nicht mehr weiterführt.

 

Heutige Zeichnung: Sprache wird Medium

 

Also der Sprachbaum, dessen Stamm während der Ursprache mächtig geworden ist, dessen Wurzeln an den Ursprung des menschlichen seelischen Lebens reichen, wächst nun in die Fülle. Er bildet eine reiche, weitverzweigte Krone aus. Die Hochblüte der Sprachen. Was jetzt noch kommt, ist weiteres Wachstum und der Gang in die Veräußerlichung. Die Worte entwickeln sich von einer konkreten, dinglichen Bedeutung hin zu einer vorstellungsgemäßen, begrifflich-abstrakten Bedeutung.

Die äußere Ursache für diesen letzten Entwicklungsschritt liefern die verschiedenen Fremdeinflüsse in die Völkersprachen. Die Kulturen berühren sich, überkreuzen und durchdringen sich, durch einfache Nachbarschaft, durch Eroberungszüge und Vermischung, durch Handel oder epochale Erfindungen, und so kommen Fremdkörper in die Sprachen. Einzelne Fremdworte, oder auch ganze Bestände davon. Das führt eine Entfremdung mit sich. Und natürlich mussten viele Fremdworte von vorneherein begrifflich gegriffen werden, um sie aufnehmen zu können.

 

Ich will für die deutsche Sprache diese Entwicklung noch in groben Zügen zeichnen, soweit man sie geschichtlich nachvollziehen kann. Der größte Fremdeinfluß kommt hier aus dem Lateinischen.

Zunächst begegneten die germanischen Stämme, besonders intensiv während der Zeit der Völkerwanderung, der römischen Kultur. Da diese höher entwickelt war, wurde vieles von ihr entlehnt, mitsamt den entsprechenden Bezeichnungen.

So etwa wurde vieles aus dem römischen Bauhandwerk übernommen. Die Germanen bauten ihre Häuser aus Lehm. Den Lehmwänden lag ein gewundenes Gerüst aus Reisig zugrunde. Aus diesem Gewundenen leitet sich das Wort Wand her. Die Römer dagegen bauten mit Steinen. Diese Wand aus Steinen hieß im lateinischen murus. Und wurde zur Mauer.  Des weiteren die Worte Keller von cellarium, Pforte von porta, Straße von strata usw.

 

Der zweite Einschlag aus dem Lateinischen geht mit dem heraufziehenden Christentum einher, für unseren Sprachraum also etwa seit der Missionierung des Bonifatius im achten Jahrhundert. Der Einfluß auf die Sprache ist dabei schwer einzuschätzen, denn die Christianisierung bringt vor allem auch einen inneren Wandel mit sich. Die christlichen Ideen, Anschauungen und Haltungen sind viel feiner und innerlicher als die der germanischen Götterwelt. Der Blutrache steht plötzlich das Verzeihen gegenüber. Die Behandlung der Sprache, auch die feineren Strukturen, ändern sich dabei. Das Althochdeutsche verliert seine herbe, urwüchsige Kraft. Das Mittelhochdeutsche ist bereits viel feiner, reicher und inniger, bisweilen fast lieblich.

Natürlich wurden auch hier viele Worte aus dem Lateinischen entlehnt. So z.B. gab es kein Wort für segnen. Die Priester segneten im Namen und Zeichen des Kreuzes. Sie machten das Signum. Und daraus wurde segnen. Das Wort Kreuz selbst kommt vom lateinischen crux. Von den Bildungseinrichtungen der Klöster, der schola, kommt das Wort Schule. Kloster selbst von claustrum usw.

Wir sehen an diesen Beispielen aber auch, wie lebendig der Sprachgeist damals noch war. Er hat all diese Worte noch mühelos einverleibt. Ihr Lautcharakter ist deutsch. Aber ihre Gebärden sind nicht lebendig. Es liegt ihnen nur eine Vorstellung oder ein Begriff zugrunde.

 

Ein dritter Einschlag kam mit dem Heraufziehen der Wissenschaften seit dem ausgehenden Mittelalter. Es sind dies Worte wie Linie, Information, Problem, Mineral, Instrument, Maschine, Logik, Examen, Produkt usw., kurzum die Worte, die wir heute noch als Fremdworte im weitesten Sinn bezeichnen. Sie kommen hauptsächlich aus dem Lateinischen, da dies noch bis ins 19. Jahrhundert die Sprache der Wissenschaften war.

Eine kleine Welle kam zur Zeit des französischen Sonnenkönigs aus Frankreich, als es im deutschen Adel Mode wurde, französisch zu sprechen: Worte wie Mode, lila, intensiv, Cousin usw.

Und heute schließlich haben wir die Flut aus dem Amerikanischen, die unsere Sprache überschwemmt und veräußerlicht: Cocktail, shopping, body-building, weekend, die ganze Computer- und Internet-Sprache usw.

 

Allen diesen Worten ist gemein, dass sie kaum oder noch gar nicht beweglich sind, und dass sich kaum Ableitungen aus ihnen ergeben haben. Ein urdeutsches Wort wie z.B. Wechsel hat ein ganz anderes Leben. Es steht mit Worten wie Woche, weichen, weich, die selber alle viele Ableitungen und Zusammensetzungen haben, in einer größeren Familie, und auch die Gebärde des Wortes wird mehr oder weniger noch erlebt. Ganz anders als ein Wort wie Keller, das einsam da steht und eine ganz eng umrissene Bedeutung hat.

 

So sind wir bei der heutigen Sprache angekommen. Sie ist blass geworden, flach, eine Gedankensprache. Sie spiegelt das seelische Leben unseres Zeitalters. Einerseits haben wir eine Veräußerlichung bis hin zum Informationsträger, und andererseits, wo es noch um Seelisches geht, hat sich eine starke Tendenz zum Phrasenhaften gebildet. Siehe unsere Unterhaltungsindustrie.

Das Seelische hat sich im Verlauf der Entwicklung mehr und mehr losgelöst, ist dünner und viel gedanklicher geworden. Bei der Sprache wie beim menschlichen Innenleben insgesamt. Dies ist andererseits aber auch die Ursache für den Freiraum, den wir heute zur Verfügung haben, und aus dem heraus wir unser seelisch-geistiges Leben in einem ganz anderen Maß selbst bestimmen können. Es ist wie ein Todespunkt, durch den wir hindurchgehen. Das Alte erstarrt und stirbt ab, und gerade dadurch können wir unsere Gestaltungskräfte entfalten und das Neue schaffen. Das ist die Herausforderung der Zukunft.

Im Zuge der Globalisierung vermischen sich die Kulturen heute, zumindest an der Oberfläche, weltweit. Eine Uniformisierung zeichnet sich ab, der sich die Sprachen dieser Welt nicht werden entziehen können. Das aber ist eine Umkehrung in der Entwicklung. Und vielleicht der erste Schritt wieder heraus aus den Völkersprachen.

Neues Leben kann der Sprache jedoch nur durch ein bewusstes Erleben der sprachlichen Elemente, und letztlich natürlich der Laute, zufließen. Hier ist unsere schöpferische Seite gefragt. Nur im schöpferischen Spiel kann sich ein tieferes Erleben ergeben. Aber wir haben diese Seite ja in uns. Und ich zweifle nicht daran, dass eine künftige Menschheit gerade diese Seite, die mit Gestaltungskraft zu tun hat, immer tiefer in sich entdecken wird. Sie birgt gewaltiges Potential. Und für die Sprache wird damit das Tor zur Lebendigkeit wieder geöffnet. Sie wird das Bett der Entfremdung und der erstarrten Regeln wieder verlassen können und es tun sich ganz neue Möglichkeiten der Sprachbildung auf. Aus der Konfiguration der Laute heraus. Wie das aussehen wird, ist allerdings aus dem heutigen Bewusstsein heraus schlechterdings nicht zu sagen.

 

Im Zusammenhang – Sprache als Ur-Künstlerin

 

Die Sprache hat drei Vermögen: ich kann mein Inneres offenbaren, ich kann erzählen, d.h. den anderen etwas mitteilen, ich kann mich über etwas unterhalten. In der Dichtkunst kommt dies durch die drei Grundgattungen, der Lyrik, der Epik, und der Dramatik, zum Ausdruck. Diesen drei Vermögen entsprechen die drei Schichten der Sprache, die ich hier als die drei grundlegenden Entwicklungsschritte dargelegt habe: das Erleben der Laute und ihrer Gebärden, das Bild und die Bedeutung.

In der Alltagssprache sind diese drei Vermögen organisch ineinandergewachsen. In der Dichtung sind sie noch leichter zu erkennen. Obwohl natürlich auch hier eine Konversation sehr innerlich sein kann, eine Erzählung dramatisch, ein Gedicht gedanklich usw.

 

So dass wir also drei Strömungen in der Biographie der Sprache unterscheiden können. Die älteste fängt nach meiner Darstellung an mit der Anrufung der Götter. Eine Lautfolge bringt eine höhere Macht zur Erscheinung, und zwar durch die Kraft der Laute. In der Ursprache wird dies zur magischen Kraft, mit dem Einziehen der Bedeutung zu den Zauber- und Opfersprüchen, und tritt dann, verinnerlicht, ans Licht der Geschichte mit den Sonnengesängen Echnatons, den Psalmen Davids, den Liedern der Sappho, um sich schließlich über das Gebet bis hin zur heutigen Lyrik zu entwickeln: Offenbarung des eigenen Innenlebens.

Diese Strömung möchte ich kennzeichnen als Gespräch mit dem Göttlichen, das dann zum Gespräch mit sich selbst, dem eigenen Inneren wird. Zentrum und Umkreis der Sprache sind Eines.

 

Die zweite Strömung gewinnt ihre Bedeutung mit der Ursprache: Sprache wird bildhaft. Eine Folge von Bildern fängt ein Geschehen ein. Ich kann ein Ereignis damit vermitteln, erzählen. Mit dem Abfangen der Bedeutung können dann die Weltentstehungsbilder, die Göttergenealogien wachsen, wie sie in den Mythologien überliefert sind, im Anschluß daran die Volksepen, die herausragende Ereignisse in der Geschichte eines Volkes aufbewahren. Hieraus zogen die alten Völkerschaften ihre Identität.

Im weiteren Verlauf hat die Erzählkunst eine Fülle von Formen geschaffen, deren geläufigste heute der Roman ist. Das Bezeichnende ist hierbei, dass der Erzähler im Zentrum steht und sich an die Zuhörer richtet. Die Sprache geht vom Zentrum in den Umkreis.

 

Die dritte Strömung bekommt ihr Eigenleben erst mit dem Bedeutungsgehalt der Sprache. Über Sinn und Bedeutung kann ich mich austauschen. Die Sprache geht hin und her. Der Umkreis löst sich auf und bildet weitere Zentren. Dies ist die Konversation im engeren Sinne.

Als Kunstform kommt diese Strömung zutage mit den Dramen des antiken Dreigestirns Äschylos, Sophokles und Euripides. Man könnte einwenden: aber es geht doch dabei um dramatische Ereignisse, und nicht um Bedeutungen. Sicher, den Dramen liegen dramatische Ereignisse zugrunde. Aber die Konversation und das Streitgespräch entzünden sich nicht an den Ereignissen – diese werden häufig erzählend eingeführt – sondern an den unterschiedlichen Auffassungen dieser Ereignisse. Es geht um die Bedeutung, die den Ereignissen beigemessen wird, und um die damit verbundenen Haltungen. Darüber lässt sich streiten, und hier kann sich eine innere Reifung vollziehen.

Interessant ist übrigens, dass auch hier der Funke aus den alten Mysterien überspringt. Äschylos wurde angeklagt, in seinen Dramen Mysteriengeheimnisse verraten zu haben. Sein Vater war noch Priester in Eleusis. Nur weil er hinlänglich nachweisen konnte, dass er gar nicht in die Mysterien eingeweiht war, konnte er sich dem Todesurteil entziehen. Man kann also davon ausgehen, dass in Eleusis vorher schon Götterschicksale im Rahmen des Tempeldienstes in dramatischer Form zur Darstellung gebracht wurden.

 

Ich führe diese drei Dichtungsgattungen an, weil sie eben die drei Grundvermögen der Sprache anschaulich machen können. Sie können dies, weil wir hier im Schöpferischen sind, und das heißt auch, an der Quelle der fortlaufenden Sprachbildung. Bis vor dreitausend Jahren waren Religion, Kunst und Wissenschaft in den Mysterienstätten vereint, und es waren eben vor allem die Priester, die das kollektive Bewusstsein trugen und aus ihren schöpferischen Quellen heraus prägten und mitgestalteten. Und damit auch das gesellschaftliche Leben und die Sprache.

Und je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto lebendiger und grundlegender wird dieser Prozeß. Es geht hier um die Entwicklung des seelischen Lebens der Menschheit. Ich begreife diesen Prozeß als den künstlerischen schlechthin. Seelisches Leben wird geschaffen und gestaltet. Insofern ist die Sprache wie selbstverständlich die Ur-Künstlerin. Erst viel später entstehen dann aus der Umsetzung des Seelischen heraus die einzelnen Künste. Der Urgesang, die Ursprache ist nichts anderes als durch das Bewußtsein verinnerlichte und zur Ruhe gekommene Bewegung. Diese Bewegung ist die Schöpferin des seelischen Lebens, dem das Künstlerische immer schon innewohnt.

 

Wir leben heute in einer furchtbar prosaischen Zeit. Die Medien- und Computerwelt stumpfen unsere Sinne ab und versuchen ständig, das seelische Leben in Konserven zu pressen. Aber dies ist nur der vorläufige Gipfel einer jahrhundertelangen Verstandeskultur. Unseren unterkühlten und vertrockneten Seelen würde es sehr gut tun, wieder ein wenig in das künstlerische Element einzutauchen. Ja, sie könnten dabei wieder genesen.

Ich meine damit nicht, ins Museum oder ins Konzert zu gehen. Das natürlich auch. Aber viel fruchtbarer wäre die eigene künstlerische Tätigkeit. Selbst einmal ein Bild zu malen, einen Gedanken oder ein Erlebnis mit ein paar Zeilen festzuhalten, zu musizieren, zu tanzen, zu schnitzen, zu modellieren usw. Es muß dabei ja nicht gleich ein Kunstwerk herauskommen. Viel wichtiger als das Ergebnis ist das Tun. Anregungen kann man sich ja holen von den Kunstwerken, und natürlich von den Künstlern selbst.

Von hier aus können unendlich bereichernde und vertiefende Impulse kommen, die dann auf das Alltagsleben übergreifen können. Zunächst auf das individuelle Leben, aber damit auch nach und nach auf das soziale Leben.

Wie ich etwas tue, mit welcher Aufmerksamkeit, mit welcher Gestimmtheit, mit welcher Gelöstheit usw. ist für mein Leben genauso wichtig wie das Was. Ja gerade hier liegt eigentlich das Leben, nämlich die gelebte Zeit, die Gegenwart. Das Ergebnis ist vergangene Zeit, ist Haben und nicht Sein. Und hier sind wir eben mitten im Künstlerischen. Meiner Meinung nach ist das die größte Aufgabe der heutigen Kunst. Die Menschen Künstler werden zu lassen. Eine breite Kultur des Schöpferischen zu entfalten

Wie ändert sich meine Sprache, wenn ich sie nicht einfach nur benutze, sondern ihr Aufmerksamkeit schenke? Wenn ich sorgfältig spreche, vielleicht bis in die einzelnen Laute hinein? Wenn ich die Gehalte prüfe, auf Richtigkeit und Genauigkeit achte, Übereinstimmung zwischen Gehalt und Ausdruck suche usw. Wie ändere ich mich selbst dabei?

 

Neben diesem grundsätzlichen gibt es noch einen bedeutsamen therapeutischen Aspekt. Das Künstlerische verfügt über ungeheure Heilkräfte. Ich will dazu nur ein kleines Beispiel aus meinem Bereich anführen.

Nehmen wir den Fall eines Menschen, der sehr stark introvertiert ist. Diese Verschlossenheit wird sein seelisches Leben und seine Biographie prägen, und kann sich schließlich in chronischen Krankheiten niederschlagen. Wenn ich diesen Menschen dazu hinführe, das A richtig zu intonieren, diesen einzigen Laut kraftvoll und zugleich gelöst zu intonieren, wenn ich ihn dann vielleicht noch einige Gedichte sprachlich gestalten lasse, die in A-Stimmung gehalten sind, wird er sich mit der Stimmung des Sich-Öffnens verbinden. Er muß das nur einige Minuten am Tag üben, sagen wir über zwei Monate. Er wird seine inneren Erlebnisse daran haben, durch die diese Stimmung nach und nach in sein seelisches Leben einfliessen und wirken kann. Er wird sich dadurch leichter und gelöster öffnen können. Wenn er sich darauf einlassen kann und die Übung über einen längeren Zeitraum macht, wird sie nachhaltig sein und bis in sein Temperament, ja schließlich bis ins Organische hinein wirken. Und dem Menschen ist geholfen. Aus der Kraft eines einzigen Lautes heraus!

 

Wir haben gesehen, wie im menschlichen Bewußtsein aus der schaffenden Kraft des Universums das schöpferische Denken abgefangen wird, wie es durch die Sprache zu sich selbst kommen will. Wir können geschichtlich nachvollziehen, wie sich das Denken zum ersten Mal selbst berührt bei Aristoteles. Der heutige Stand dieser Entwicklung ist das denkende Selbstbewußtsein. Ein noch statisches Ichbewusstsein. Wir stehen noch im Bann des Verstandes. Aber dem Ich sind keine Grenzen gesetzt. Es kann über sich selbst hinauswachsen, durch Erkenntnis. Der Egoismus ist nur eine der Herausforderungen dazu. Ein Hindernis, an dem es wachsen kann. Um dann in immer größeren Einheiten aufzugehen, bis es wieder – aber nun aus den Bewusstseinskräften heraus – das wird, was am Ursprung stand: reine Schöpferkraft!

Warum das Ganze? Was macht das für einen Sinn? Diese Frage möchte ich den Philosophen überlassen. Wer das Leben in diesem Sinne auffassen kann, wer jede Nuance des Erlebens neu entdecken, sein Erleben und schließlich das Leben selbst im freien Spiel der Kräfte mitgestalten kann, für den wird das ganze Leben zum Fest. Keine Grill-Party mit Small-Talk. Nein. Zu einer kultischen und zugleich orgiastischen Feier, deren Tische immer größer und reicher werden.

Braucht es dafür wirklich einen Grund?